Hikimayu: Warum Japanerinnen ihre Augenbrauen abzupften und neu malten
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Kurz gesagt
Hikimayu bezeichnet einen japanischen Brauch: Die natürlichen Augenbrauen wurden entfernt und neue aufgemalt, in der Heian-Zeit (794 bis 1185) als weiche Flecken hoch auf der Stirn. Zusammen mit weißem Puder und geschwärzten Zähnen (Ohaguro) ergab das ein maskenhaftes Ideal. 1870 wurde der Brauch verboten, heute lebt er vor allem im Nō, im Kabuki und in Festen fort.
Wer auf einem alten japanischen Bild ein Gesicht mit zwei blassen Flecken weit über den Augen sieht, blickt auf Hikimayu. Für heutige Augen wirkt es fremd. Aber der Brauch hatte über Jahrhunderte eine klare Logik.
Was Hikimayu bedeutet
Das Wort beschreibt das Entfernen und Neuzeichnen: 引 (hiki) steht für „ziehen“, 眉 (mayu) für „Augenbraue“. Die Haare wurden gezupft oder rasiert, danach zeichnete man neue Brauen. Englische Fachtexte übersetzen es als painted eyebrows.
Geschichte in Etappen
| Zeit | Was geschah |
|---|---|
| 8. Jahrhundert, Nara | Der Hof übernimmt chinesische Sitten, Brauen werden in schmalen Bögen gemalt |
| 794 bis 1185, Heian | Frauen malen ovale Flecken hoch auf die Stirn, später auch Männer |
| Ab etwa Mitte Heian | Männer des Adels und der Taira übernehmen den Brauch bei Volljährigkeitsriten |
| Ab 14. Jahrhundert | Nō-Masken junger Frauen zeigen Brauen im Hikimayu-Stil |
| 1603 bis 1867, Edo | Hikimayu und Ohaguro bleiben weitgehend verheirateten Frauen vorbehalten |
| 1870 | Verbot im Zuge der Verwestlichung |
| 1873 | Kaiserin Shōken zeigt sich mit weißen Zähnen, Ohaguro verliert an Boden |
Eine kleine Unschärfe gehört dazu: Die englische Wikipedia nennt 1870 als Verbot für Hikimayu und Ohaguro insgesamt, der Artikel zu Ohaguro spricht von einem Verbot für Männer. Sicher ist die Richtung: Die Meiji-Zeit beendete die Praxis als Standard, im Alltag verschwand sie dann schrittweise.
Warum so hoch auf der Stirn?
Einen zeitgenössischen, eindeutigen Grund gibt es nicht. Die gängigen Erklärungen sind:
- Ausgleich der Frisur: Die langen, seitlich fallenden Haare der Heian-Damen ließen die Stirn stark wirken. Hoch gesetzte Brauen sollten das Gesicht ausbalancieren.
- Makellose Fläche: Ohne Brauen ließ sich das weiße Puder Oshiroi leichter gleichmäßig auftragen.
- Abgrenzung: Am Hof zeigte das Gesicht Stand und Zugehörigkeit. Ein aufwendiges Make-up setzte Zeit und Mittel voraus.
Die ersten beiden Punkte sind überlieferte Theorien, der dritte ist eine naheliegende historische Einordnung. Keiner ist endgültig bewiesen. Hilfreich ist der Blick auf das Licht: In Heian-Palästen war es eher dunkel, und ein weißes Gesicht mit dunklen Akzenten dürfte dort anders gewirkt haben als im Fotostudio. Das ist allerdings ebenfalls eine moderne Deutung.
Das Gesamtbild: Oshiroi, Ohaguro, Hikimayu
Hikimayu stand nie allein. Es gehörte zu einem Dreiklang:
- Oshiroi: weißes Puder auf Gesicht und Hals.
- Ohaguro: Zähne, die mit einer Lösung aus Eisenspänen, Essig und Gerbstoffen geschwärzt wurden.
- Hikimayu: entfernte und neu gezeichnete Brauen.
Das Ergebnis war ein bewusst maskenartiges Gesicht. Beide Praktiken waren außerdem Lebensphasen zugeordnet: Laut japanischen Lexika-Texten gehörten sie ursprünglich zum Volljährigkeitsritus von Mädchen, in der Edo-Zeit wurden sie Zeichen verheirateter Frauen. Damit war die Braue weniger Schmuck als Personenstand: Man las am Gesicht ab, wo jemand im Leben stand.
Hikimayu in der Literatur
Der Brauch ist in der klassischen Literatur gut greifbar. In der „Geschichte vom Prinzen Genji“ schildert das sechste Kapitel ein Mädchen von etwa zehn Jahren, dessen Großmutter altmodisch dachte: Die Zähne blieben ungeschwärzt, die Brauen ungezupft, und Genji veranlasst das Nachholen. Auch das „Kopfkissenbuch“ der Sei Shōnagon erwähnt das Zupfen der Brauen. Die Texte stammen aus derselben Hofkultur, die den Brauch trug.
Hikimayu heute
Im Alltag ist es verschwunden. Sichtbar bleibt es in historischen Dramen, im Nō und Kabuki sowie gelegentlich bei lokalen Festen. Auch für Ohaguro nennt die Wikipedia eine begrenzte Tradition bei angehenden Geishas in Teilen Japans, insbesondere in Kyōto. Für Hikimayu gilt das dort nicht ausdrücklich.
Im weltweiten Vergleich ist die Praxis bemerkenswert: Brauen mussten über Jahrhunderte verschwinden, damit neue stehen konnten. Andere Beispiele für den wechselnden Wert der Braue findest du unter Brauen-Kulturen der Welt, und in Ägypten zeigt die Trauer-Rasur noch eine andere Lesart.
Was das mit heutigen Trends zu tun hat
Kahle oder gebleichte Brauen tauchen auch heute wieder auf, nur mit anderer Botschaft: Provokation statt Stand. Dazu mehr bei weggerasierte Brauen. Die Bewegung zur nach oben gesetzten Linie begegnet dir zudem in der Geschichte der Brauenmode, allen voran in den 1930ern.
Wer sich von Hikimayu für einen Kostüm-Look inspirieren lässt, kann den Effekt ohne Entfernen schaffen: Härchen anlegen, abdecken, neu zeichnen. Der Ablauf ähnelt der Maskenarbeit, die Augenbrauen im Film beschreibt. Was Rasieren für die Haare bedeutet, steht bei Augenbrauen rasieren.
Bitte mit Respekt
Hikimayu ist Teil einer lebendigen Kulturgeschichte. Im Theaterkontext, bei historischen Festen oder als Studie ist die Nachbildung etwas anderes als als Faschingsgag. Frage dich vorher, was du ausdrücken willst.
Häufige Fragen
Was bedeutet Hikimayu?
Hikimayu bezeichnet das Entfernen der natürlichen Augenbrauen und das Aufmalen neuer. Der Brauch ist vor allem aus dem höfischen Japan bekannt.
Warum haben Geishas auf alten Bildern hohe Brauen?
Auf vielen alten Bildern sind keine Geishas, sondern Hofdamen der Heian-Zeit zu sehen. Die hohen Brauen gehen auf deren Hikimayu zurück. Bei Geishas ist laut unseren Quellen eher Ohaguro überliefert.
Wann wurde Hikimayu verboten?
Im Jahr 1870, als die Regierung westliche Sitten förderte. Ganz plötzlich verschwand der Brauch nicht, er ging über Jahrzehnte zurück.
Hatten auch Männer Hikimayu?
Ja, im späteren Verlauf der Heian-Zeit übernahmen auch Männer des Adels den Brauch. Das Bild der reinen Frauenmode trifft also nicht zu.